Selbsterkenntnis

Der nachfolgende Text basiert auf den Büchern ‘Über das menschliche Verhalten’ sowie ‘Freimaurerei und Ethik’ des unserer Loge angehörenden Bruders Dr. Klaus Preiss. Die Bücher stehen auf Wunsch auch leihweise zur Verfügung.


Selbsterkenntnis

Bereits der erste Grad jeder Freimaurerloge enthält die Aussage, dass jeder Mensch ein Kind Gottes ist. Mit dieser Erkenntnis wird zugleich fundamental das Motiv zu sittlichem Verhalten begründet. Und eben dies, die Motivation zum ‘Guten’ ist - symbolisch und maurerisch ausgedrückt als ‘Arbeit am Rauhen Stein’ - der Hauptinhalt jeglicher Freimaurerei.

Zur Selbsterkenntnis gehört vorab die Erkenntnis des menschlichen Wesens. Der erste Schritt sollte daher sein, sich Klarheit über das menschliche Wesen im allgemeinen zu verschaffen. Dies wird dann zu der Erkenntnis führen, dass unser Verhalten einerseits genetisch bedingt, andererseits durch Erfahrungen und Erlebnisse in Kindheit und Jugend geprägt ist. Die so geformten Verhaltens- und Reaktionsgewohnheiten bilden in ihrer Gesamtheit der Grundstruktur des Charakters und der Persönlichkeit. Diese Verhaltens- und Reaktionsprogramme sind grundsätzlich unauslöschlich.

Die Verhaltensweise des Menschen ist im Einzelfall ist jedoch keineswegs durch unseren Charakter eindeutig festgelegt, sondern im Rahmen einer gewissen Bandbreite modifizierbar. Unser konkretes Verhalten im Rahmen dieser Bandbreite (von Mensch zu Mensch unterschiedlich) ist abhängig von der jeweiligen Situation und der aktuellen körperlichen, geistigen und seelischen Verfassung. Für unser ethisches Verhalten bedeutet dies konkret: Wir können uns zeitweilig menschlich anständiger, dann aber wieder weniger gut verhalten. Daher sollte es das Ziel eines Freimaurers sein, sein Verhalten stärker auf den 'guten' Sektor seiner Bandbreite zu verlagern, also sich häufiger und intensiver brüderlich und human zu verhalten. Hier liegt eines der beiden Schwergewichte freimaurerischer Selbsterziehung.

Dieses Wissen um die Basis menschlichen Verhaltens ist unerlässlich, um uns selbst und unsere Mitmenschen besser verstehen zu lernen. Es bildet die notwendige erste Grundlage jeder Selbsterkenntnis. Individuelle Selbsterkenntnis ist nicht wirklich möglich ohne zuvor erkannt zu haben, welche Faktoren menschliches Verhalten grundsätzlich bestimmen. Eine derartig gewonnene, umfassende Selbsterkenntnis kann dann die Grundlage des Versuches sein, unerwünschte Verhaltensgewohnheiten zu korrigieren, also eine Art Selbsterziehung zu üben.

Ohne das uns allen gemeinsame Wesen des Menschen richtig erfasst zu haben, würden wir ständig Gefahr laufen, unnötig über unser Verhalten frustriert zu sein und uns bei unserem Bemühen um Verhaltensmodifikationen zu überfordern. Denn die Korrektur des eigenen Verhaltens ist eine äußerst schwierige Aufgabe, gleichgültig ob wir dies im Rahmen unserer Familie, im Beruf oder in anderen Lebensbereichen anstreben. Dies gilt im besonderen Maße für ethisches Verhalten.

Gleichwohl: Wir können unser Verhalten in eben den aufgezeigten Grenzen beeinflussen!

Jegliche praktische Freimaurerei, jegliche Arbeit am ‘Rauhen Stein’ basiert also auf eben dieser Erkenntnis um die Grenzen unseres Bemühens, aber auch um unsere Fähigkeit, mit Erfolg an uns und unserem Verhalten, auch unserem sittlich-ethischen Verhalten zu arbeiten.

 

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